Von der Funktion zur Bedeutung
Die emotionale und ethische Evolution des Designs
Mit dem Wachstum von Marken geht oft die Klarheit verloren. Strategie, Produkt, Nutzererfahrung und Markenidentität driften unmerklich auseinander. Zurück bleibt ein Flickenteppich aus gut gemeinten Funktionen und isolierten Designentscheidungen. In diesen Momenten der Komplexität ist es unerlässlich, innezuhalten und die Grundprinzipien unserer Disziplin zu hinterfragen. Wie gestalten wir Produkte, die nicht nur funktionieren, sondern auch Bestand haben?
Das 20. Jahrhundert hinterließ uns ein wirkmächtiges, fast religiöses Dogma: „Die Form folgt der Funktion.“ Die kühle, analytische Objektivität des Bauhauses befreite die Welt von überflüssigem Ornament. Im Laufe der Zeit wurde dieses Prinzip jedoch oft als Ausrede für Seelenlosigkeit missbraucht. Wir schufen eine Welt grauer Kästen – hochfunktional, aber emotional stumm. Doch die Entwicklung des Designs verläuft nicht geradlinig; sie ist ein fortschreitendes Verständnis dessen, was uns im Kern menschlich macht.
Die Rebellion der Emotionen
In den 1980er-Jahren wurde dieser Funktionalismus durch eine neue Denkweise erschüttert, die maßgeblich von Hartmut Esslinger und seiner Arbeit für Apple geprägt wurde. Seine Philosophie „Form folgt Emotion“ war eine dringend notwendige Kurskorrektur. Esslinger erkannte, dass Menschen keine rein rationalen Maschinen sind. Ein Produkt, das keine Emotionen weckt, ist für uns im Grunde wertlos, egal wie effizient es funktioniert.
Design wurde zur Kommunikation. Organische Formen, weiche Kanten und haptische Oberflächen machten Technologie zugänglich. Ein Design erzählt eine Geschichte, noch bevor wir das Objekt benutzen.
Doch „Form folgt Emotion“ war nie eine Freikarte für schönen Ramsch. Esslinger zog eine klare Trennlinie zwischen Design und bloßem „Styling“. Wenn ein Objekt zwar optisch beeindruckt, aber seinen Zweck verfehlt, ist es nichts weiter als „Schminke auf einem Schwein“. Die Funktion bleibt die unverzichtbare Grundlage. Ein emotionales Design verspricht dem Nutzer Qualität und ein besonderes Erlebnis. Wenn das Produkt dieses Versprechen in der Praxis nicht einlöst – wie eine schöne Zitronenpresse, die den Saft in alle Richtungen spritzt –, schlägt die positive Erwartung in Frustration um. Und Frustration ist das Ende der Markentreue.
Design of the lemon press „Juicy Salif“ by Philippe Starck
Starck soll die Idee angeblich auf einer Serviette in einer Pizzeria skizziert haben, während er Tintenfisch aß – was die spinnenartige, fast außerirdische Form erklärt.
- Der ästhetische Triumph:
Es ist eine Ikone. Es ist im MoMA in New York ausgestellt und wirkt wie ein modernes Kunstwerk auf jeder Küchentheke. Es weckt sofort Emotionen – Neugier, Staunen, Bewunderung.
- Der funktionale Albtraum:
Wer damit tatsächlich versucht, eine Zitrone auszupressen, lernt schnell die Tücken kennen. Der Saft läuft oft an den Beinen herunter, spritzt überall hin, und die Konstruktion ist bei Weitem nicht so stabil, wie sie aussieht.
Für Esslinger war hässliches Design schlichtweg unsozial. Es zeugt von einem Mangel an Empathie, ist ein visuelles Rauschen, das dem Nutzer signalisiert: Wir kümmern uns nicht um dich.
Schönheit als kognitive Funktion
Überträgt man diese Gedanken in die Gegenwart, gelangt man unweigerlich zu Stefan Sagmeister. Er lenkt die Diskussion weg von reinen Industrieprodukten hin zu einer tiefgründigen, beinahe wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Ästhetik. Sein Credo ist einfach: Schönheit ist Funktion.
Oft wird argumentiert, Geschmack sei subjektiv. Was den einen erfreut, lässt den anderen kalt. Doch Sagmeister widerlegt diese Ausrede für mittelmäßiges Design. Er argumentiert überzeugend, dass unsere Wahrnehmung von Schönheit zu 90 Prozent auf universellen, biologischen Reaktionen beruht. Symmetrie, bestimmte Proportionen, natürliche Materialien und harmonische Farben signalisieren unserem Gehirn Sicherheit und Ressourcen. Sie lösen nachweislich die Ausschüttung von Dopamin aus.
Schönheit ist kein Luxus und keine Nebensache. In Umgebungen, die lieblos und rein zweckmäßig gestaltet wurden, steigen Stress und Fehlerquoten. Gutes, ästhetisches Design fördert Wohlbefinden, Heilung und Produktivität. Die objektiven Gesetze der Ästhetik zu ignorieren bedeutet, gegen die menschliche Natur zu gestalten.
Der Neuheitseffekt und das Pendel der Trends
Warum also sind wir plötzlich so fasziniert von brutalen, harten Designs wie dem Tesla Cybertruck? Wenn abgerundete Ecken Sicherheit und Schönheit bedeuten, warum bricht die Branche dann immer wieder diese Regeln?
Die Antwort liegt in der visuellen Sättigung. Wenn Perfektion allgegenwärtig wird, nimmt unser Gehirn sie schließlich als unsichtbar wahr. Sobald ein völlig gegensätzliches, kantiges Design auftaucht, belohnt uns unser Geist für die Neuheit. Dieser Neuheitseffekt lässt harte Kanten plötzlich präzise, ehrlich oder charaktervoll erscheinen.
Doch als Designer müssen wir zwischen kurzfristiger Provokation und zeitloser Integrität unterscheiden. Ein Design, das allein darauf abzielt, zu schockieren oder Aggression zu provozieren, verleugnet die soziale Verantwortung, unsere Umwelt lebenswerter zu gestalten. Trends schwingen wie ein Pendel, aber das grundlegende menschliche Bedürfnis nach Klarheit und Vertrauen bleibt bestehen.
Die ethische Grenze
Nudging vs. Manipulation
Sobald wir verstehen, dass Design Emotionen hervorruft und unser Gehirn auf biologischer Ebene beeinflusst, betreten wir unweigerlich ethisch komplexes Terrain. Wir bewegen uns auf einem schmalen Grat zwischen hilfreichem Anstoßen und schädlicher Manipulation.
Wo ziehen wir die Grenze? Die Antwort liegt nicht in einer Formel oder der Farbe eines Buttons, sondern in der Asymmetrie der Intention. Ein subtiler Designimpuls ist legitim, wenn er die bewussten Ziele des Nutzers unterstützt – beispielsweise, wenn eine App das Sprachenlernen intuitiv und motivierend gestaltet.
Manipulation hingegen – in Form von Dark Patterns – nutzt unsere psychologischen blinden Flecken aus, um den Profit eines Unternehmens über die Autonomie des Nutzers zu stellen. Versteckte Abbruchbuttons, künstliche Verknappung oder endlose Scroll-Feeds, die uns den Schlaf rauben. Solches Design sabotiert den freien Willen. Es hinterlässt einen emotionalen Kater und Bedauern. Und aus der Perspektive einer nachhaltigen Markenstrategie ist Manipulation nichts anderes als schrittweiser Design-Selbstmord.
Wer das Vertrauen seiner Nutzer missbraucht, wird sie unweigerlich verlieren.
Die Form folgt der Bedeutung
Dies zwingt uns, das Paradigma ein letztes Mal zu erweitern.
Heute genügt es nicht mehr, dass ein Produkt einfach nur funktioniert (Bauhaus).
Es genügt nicht mehr, dass es sich gut anfühlt (Esslinger).
oder visuelles Vergnügen bereiten (Sagmeister).
Design ist zu einer moralischen Disziplin geworden. Wir müssen uns von reiner Emotion lösen und Design mit Sinn verbinden. Wenn mich ein Produkt im Moment der Nutzung unterhält, mir aber langfristig Zeit raubt oder der Umwelt schadet, entsteht kognitive Dissonanz. Wahre Ästhetik entsteht heute nur aus dem Zusammenspiel von strategischer Tiefe, makelloser Handwerkskunst und ethischer Verantwortung. Wir haben einen Punkt erreicht, an dem das Objekt selbst in den Hintergrund tritt und die Transformation, die es dem Nutzer ermöglicht, im Mittelpunkt steht.
Ich bin überzeugt:
Marken mit Tiefgang verlangen mehr als Dekoration. Sie verlangen eine klare Positionierung. Und diese Positionierung lässt sich auf ein einziges, unumgängliches Leitprinzip reduzieren:
Zusätzlich: Gutes Design muss den freien Willen respektieren und sinnvoll sein.




